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Die Spur der Qual PDF Drucken E-Mail
Oktober 2007

Die Spur der Qual: Tiefe Blicke ins Gehirn


Das Gehirn von Patientinnen und Patienten, die an Fibromyalgie leiden, verarbeitet Schmerzreize anders als das Gehirn gesunder Menschen ‑ ein Unterschied mit gravierenden Folgen


»Wenn man von Arzt zu Arzt läuft«, sagt Katharina W., »nur um immer wieder zu hören, dass man körperlich gesund ist und keine Ursache für die Schmerzen diagnostiziert werden kann, dann zweifelt man irgendwann einmal an seinem Verstand.« Die 43‑jährige Zahntechnikerin hat, wie viele Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie, eine Odyssee durch Praxen und Kliniken hinter sich. Und irgendwann ‑ zwischen all den Schmerzen, der Erschöpfung und stärker werdenden Depressionen glaubte sie selbst, »nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein«.

WAS SICH TATSÄCHLICH im KOPF von Katharina W. und ihren Leidensgenossinnen und Leidensgenossen abspielt, war bis vor kurzem Gegenstand heftiger Debatten in der Medizinerzunft. Viele Ärzte waren der Meinung, dass es die Erkrankung gar nicht gäbe, sondern dass die Frauen -es leiden sehr viel mehr Frauen als Männer an Fibromyalgie ‑ ausschließlich ein psychisches Problem hätten. Den Patientinnen wurde sogar unterstellt, sie seien Simulantinnen oder eingebildete Kranke.

Bei FibromyalgiePatienten sind andere Hirnareale aktiv als bei Gesunden

Seit etwa zwei Jahren belegt nun eine steigende Zahl von Untersuchungen, dass die Verarbeitung von Schmerzsignalen im Gehirn der betroffenen Patienten anders abläuft als bei Gesunden.

Schon Ende der neunziger Jahre berichteten US‑amerikanische Wissenschaftler, dass bei der Verarbeitung von Schmerzreizen der Blutfluss in einigen Regionen im Gehirn von Fibromyalgie-Patientinnen geringer ist. Die Forscher hatten dies mit Hilfe der so genannten Positronen‑Emissions‑Tomographie (PET) herausgefunden. Zunehmend setzen die Wissenschaftler darum die »funktionelle Magnet‑Resonanz‑Tomographie« (fMRT) ein. Mit diesem Verfahren können Stoffwechselprozesse in bestimmten Regionen im Körper sehr präzise und ohne Strahlenbelastung sichtbar gemacht werden. Diese gestattet es allerdings nicht, die betroffenen Areale anatomisch präzise zuzuordnen.»

DIESE TECHNIK eröffnete uns die Möglichkeit, die Neurobiologie der Fibromyalgie sehr genau zu untersuchen«, erklärt Dr. Daniel Clauw von der Georgetown University in der US-Hauptstadt Washington. »Unsere und andere Untersuchungen haben uns davon überzeugt, dass Fibromyalgie‑Patienten einfach schmerzempfindlicher sind. Aus bislang unbekannten Gründen werden Schmerzsignale in ihrem Gehirn ver­stärkt.«

BEI DER STUDIE untersuchten Clauw und seine Kollegen die Gehirne von Fibromyalgie‑Patienten und gesunden Kontrollpersonen mittels fMRT, wäh­rend ein kleiner Kolben in schneller Abfolge mit vorher exakt festgelegtem Druck auf deren linken Daumennagel hämmerte. Die Druckintensität variierte zwischen schmerzhafter und nicht schmerzhafter Stärke. Diese hatten die Forscher zuvor für jeden Teilnehmer indi­viduell ausgetestet. Einen geringen Druck des Stempels, den die Kontrollpersonen gut ertragen konnten, empfanden die Fibromyalgie‑Patienten bereits als schmerzhaft. Clauw: »Im Gehirn der Patienten erzeugte bereits dieser geringe Druck deutliche Aktivitäten in schmerzverarbeitenden Regionen, die bei den Kontrollpersonen stumm blieben.« Um diese schmerzverarbeitenden Regionen im Gehirn der gesunden Kontrollpersonen zu aktivieren, mussten die Forscher den Stempeldruck nahezu verdoppeln. Das Muster der Gehirnaktivität variierte darüber hinaus bei Patienten und Kontrollpersonen. Der von den Fibromyalgie‑Pa­tienten bereits als schmerzhaft empfunde­ne ‑ geringe ‑ Druck aktivierte bei ihnen insgesamt zwölf verschiedene Gehirnare­ale. Bei den Kontrollpersonen waren bei diesem Druck, der ja nicht als schmerzhaft empfunden wurde, hingegen nur zwei Regionen aktiv.

WURDE DER DRUCK bei den Kontrollpersonen so lange erhöht, bis es weh tat, stieg erwartungsgemäß auch die Zahl der aktiven Hirnregionen. Allerdings waren davon nur acht mit jenen identisch, die bei Patienten durch schmerzhafte Reize angeregt wurden. Es gab auch Areale, die bei den Patienten im Gegensatz zu den Gesunden bei Schmerzsignalen zusätzlich aktiv waren. Die verstärkte Antwort in den ver­schiedenen Gehirnregionen »bestätigt andere Befunde, dass bei der Fibromyalgie physiologische Prozesse verändert sind«, betonen Daniel Clauw und seine Kollegen. »Diese Ergebnisse lassen sich nicht durch simple psychologische Mecha­nismen erklären.«

ALLERDINGS LIEFERN auch diese Einblicke noch keine Erklärung für die Ursachen des Leidens. «Doch ein entscheidender Schritt ist getan«, davon sind die For­scher überzeugt, »um den Ursachen auf die Spur zu kommen.«

Stichwort: Schmerz sichtbar machen


WAS SPIELT SICH im GEHIRN AB, wenn ein Mensch das höchst sub­jektive Gefühl »Schmerz« empfindet? Seit einigen Jahren ermög­lichen neue, sich rasch verfeinernde Methoden den Forschern objektive Einblicke in die Schmerzwahrnehmung: Mit zwei bildgebenden Verfahren ‑ der Positronen‑Emissions-Tomographie (PET) und der funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT) - lässt sich die Aktivität jener Hirnareale, die Schmerz­reize verarbeiten, in zunehmend feineren Details sichtbar machen.

DIE NEUEN METHODEN
geben Hinweise darauf, welche Regionen des Gehirns für die Verarbeitung der sensorischen, gefühlsmäßigen und bewusst wahr­genommenen Aspekte des Schmerzes in besonderem Maße verantwortlich sind.

DIESE EINBLICKE haben bereits die grundlegenden Vorstellungen der Neurowissenschaftler verändert, wie das Gehirn Schmerzen verarbeitet. Offensichtlich erzeugt kein zentrales Schmerzzentrum den »Gesamteindruck Schmerz«, sondern ein Netzwerk verschiedener funktioneller Systeme. Dabei handelt es sich um Nervenzellen­(Neuronen‑)Verbände in teilweise weit auseinander liegenden Hirnarealen, die Schmerzsignale aus unterschiedlichen Nervenbahnen empfangen und auf verschiedenartige Weise parallel oder hintereinander geschaltet verarbeiten.

Quellenhinweis: Nachdruck aus "Contra-Schmerz Patienten-Hilfe Infobrief Fibromyalgie Nr. 1.5" Autorin: Frau Barbara Ritzert
Mit freundlicher Genehmigung von Contra-Schmerz, Chemie Grünenthal und Frau Barbara Ritzert.

Erschienen in der 1. Ausgabe unseres Vereinsmagazins "Fibromyalgie-aktuell" am 26.06.2004
 
Letzte Aktualisierung ( November 2007 )
 
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