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Zerstörte Schmerzkompetenz PDF Drucken E-Mail
Oktober 2007

F I B R O M Y A L G I E 

Zerstörte Schmerzkompetenz

Fibromyalgie ist eine sehr vertracktes Krankheitsbild: Der Körper tut weh. Die Schmerzen treten wechselnd im ganzen Körper auf obwohl organisch keine krankhafte Veränderung vorliegt. Der Schmerz entsteht nicht an den von Schmerz betroffenen Organen, sondern im Nervensystem – im Gehirn.

Für die betroffenen Patienten macht dies indes keinen Unterschied: Der Arm schmerzt, der Bauch drückt, der ganze Körper schmerzt – den betroffenen Patienten ist es letztlich dann auch egal, woher die Schmerzinformationen ursprünglich stammen – sie haben teilweise schon über Jahre hinweg enorme Schmerzen und die wollen sie einfach wieder los werden.

Mit der zunehmenden Chronifizierung erhöht sich der Leidensdruck mehr und mehr für die betroffenen Patienten durch starke Schmerzen, Erschöpfungszustände, Schlafstörungen und einer Reihe von anderen Begleitsymptomen. Im Endstadium der Chronifizierung dieser Erkrankung sind die betroffenen Patienten kaum noch fähig, ihren normalen Alltag zu bewältigen, geschweige denn, ihrem Beruf voll nachzukommen. Häufig können sie sich schon nach einer kurzen körperlichen Anstrengung vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten, wobei sich dabei zusätzlich die Schmerzen stark verschlimmern.
Schmerz ist zunächst einmal nur ein Signal. Doch was der Körper uns durch dieses Signal mitteilen möchte, ist oft sehr schwer zu verstehen und einzuschätzen. Bei Fibromyalgie können es solche warnenden Mitteilungen sein wie zum Beispiel: „Wie gehst du mit mir um?“ Was läst du mit dir machen?“

Doch weil der Schmerz so dominierend ist und den Alltag mit fortlaufender Chronifizierung immer mehr beherrscht, ist es manchmal schwer, der Sprache der Fibromyalgie in richtiger Weise auf die Spur zu kommen.

Wie wird die Schmerzkompetenz des Körpers geschwächt?

Häufig haben Fibromyalgie-Patienten schon in ihrer Kindheit traumatische Ereignisse durchleben müssen wie zum Beispiel Missbrauch. In Deutschland werden jährlich ca. 19 Prozent der Mädchen und ca. acht Prozent der Jungen sexuell missbraucht. Jedoch spielen auch anders geartete Gewaltanwendungen gegen Kinder und Heranwachsende eine Rolle. Manche Fibromyalgie-Patienten waren in ihrer Herkunftsfamilie mit einer Rolle überfordert, die ihrem Alter überhaupt nicht entsprach, zum Beispiel eine fehlende Mutter zu ersetzen. Schmerz, auch im übertragenen Sinne, wird dann zur
Normalität. Das kann dazu führen, dass die Kompetenz, Schmerzen zu kontrollieren, verloren geht. Dazu gehören auch Schmerzen nach Operationen, die nicht ernst genommen und nicht ausreichend behandelt werden.

Mit eine entscheidende Rolle bei manchen Patienten kann auch spielen, dass sie bei einer erforderlichen medizinischen Behandlung kurz nach ihrer Geburt nicht ausreichend gegen Schmerz verursachende Eingriffe mit Hilfe ausreichender Anästhesie geschützt worden sind, weil lange angenommen worden ist, dass bei Säuglingen das Schmerzverarbeitungssystem noch nicht ausgebildet ist und sie daher weitaus weniger schmerzempfindlich sind. Heute weiß man, dass diese Annahme falsch ist.

Durch was genau wird der Ausbruch der Fibromyalgie ausgelöst?

Bei fast allen Patienten sind operative Eingriffe, Unfälle und andere schmerzhafte Ereignisse die Auslöser. Diese Menschen brechen dann unter dem konkreten, äußerlichen Schmerz dann völlig zusammen.

M
an weiß aber heute auch, das Dauerstress und besondere seelische Belastungen, entweder als einmaliges und tragisches Ereignis oder anhaltende besonders schweren Sorgen - egal welcher Art - sowie natürlich auch dauerhafte körperlich bedingte Schmerzen (zum Beispiel bei Wirbelsäulenschäden) eine Fibromyalgie entstehen lassen kann. Es gibt in der Biografie von Patienten typische Merkmale wie schwere Verletzungen, oft auch psychische Verletzungen.

Wie funktioniert das Schmerzgedächtnis?

Gedächtnis entsteht erst durch Lernen. Lernen basiert dann zunächst auf Wiederholung von Informationen. Gedächtnis bedeutet, dass Steuerprogramme in unseren Nervenzellen sich verändern und das Nervensystem dann anders reagiert als eines ohne Gedächtnis. Die Antwort auf die Frage „Was ist vier mal vier?“ haben wir parat, weil unser Steuersystem durch Wiederholen so programmiert wurde. Durch Wiederholung lernen wir das kleine Einmaleins, eine Fremdsprache – aber auch Schmerzen.

Tritt die Information „Schmerz“ immer wieder und gehäuft auf, entwickelt sich ein so genanntes Schmerzgedächtnis. Dies bedeutet, dass sich das Steuerprogramm in den Nervenzellen verändert: Geringe Reize wie Dehnung, Druck oder Berührung werden dann als Schmerz interpretiert, mit den bekannten unangenehmen und dauerhaften Folgen für die Betroffenen. (RK)

 

Letzte Aktualisierung ( März 2008 )
 
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