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Schlafstörungen und Stresssensitivität PDF Drucken E-Mail
Mai 2008
 

M. Sc. Benjamin Crettaz: Schlafstörungen und Stresssensitivität – Ursachen oder Folgen der Fibromyalgie?

Die Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit bisher ungeklärten Entstehungs- und Aufrechterhaltungsmechanismen. Neben dem Schmerz als Leitsymptom treten im Rahmen der Erkrankung häufig weiter Symptome wie Depressionen, Ängstlichkeit, rasche Ermüdbarkeit, aber auch somatische Symptome wie Reizdarmsyndrom oder Muskelschwäche auf. Darüber hinaus berichten fast alle Fibromyalgie-Patienten einen schlechten Schlaf. Objektive Untersuchungen haben gezeigt, dass FM-Patienten vermehrte Bewegungen während der Nacht zeigen, veränderte Schlafstrukturen und –zyklen aufweisen sowie eine veränderte Gehirnaktivität in den Tiefschlafphasen zeigen. Ausserdem wurde in verschiedenen Studien gezeigt, dass es zwischen den Schmerzsymptomen tagsüber und der Schlafqualität einen Zusammenhang gibt. FM-Patienten zeigen nach einer Nacht mit subjektiv schlechter Schlafqualität am darauf folgenden Tag eine verstärkte Schmerzsymptomatik. Umgekehrt hat man bei Gesunden gesehen, dass eine Schmerzreizung während der Nacht zu einer veränderten Gehirnaktivität führt. Diese veränderte Gehirnaktivität entspricht derjenigen, welche auch bei FM-Patienten gesehen werden kann. Auch bei anderen schmerzhaften Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis oder Kopfschmerzen wurden veränderte Schlafmuster festgestellt. Somit scheinen Schlafstörungen nicht spezifisch für die FM zu sein und eher eine Folge der Schmerzen darzustellen. Allerdings wäre denkbar, dass die Schlafstörungen die Schmerzsymptomatik noch weiter verstärken.

Auffallend bei der Fibromyalgie sind die überdurchschnittlich häufig berichteten negativen Lebensereignisse in der Kindheit sowie der Adoleszenz. Auch geht der Krankheitsbeginn häufig mit belastenden Ereignissen einher. Ähnliche Zusammenhänge wie diejenigen zwischen Lebensstress und der Fibromyalgie wurden auch schon bei anderen Erkrankungen wie der posttraumatischen Belastungsstörung oder dem chronischen Erschöpfungssyndrom gefunden. Typisch für alle drei Erkrankungen ist eine Veränderung im Stresssystem, welche mit einer Symptomtriade bestehend aus Schmerz, Erschöpfung und Stresssensitivität einhergeht. Alle drei Symptome treten bei allen drei Erkrankungen auf, sind aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Als Bindeglied zwischen dem gestörten Stresssystem und diesen Symptomen werden Mediatoren des Immunsystems (sogenannte Zytokine) vermutet, welche unter Stress ausgeschüttet und durch das Stresssystem reguliert werden. Die ungenügende Regulation durch das Stresssystem führt zu einer verstärkten Freisetzung von Zytokinen. So konnten in der Fibromyalgie auch bereits erhöhte Spiegel bestimmter Zytokine gefunden werden. Diese können Schmerzfasern sensibilisieren und somit zu Schmerzen führen sowie weitere Fibromyalgie-typische Symptome wie Erschöpfung und verminderte Leistungsfähigkeit über direkte und indirekte Einflüsse auf das Zentralnervensystem hervorrufen. Somit scheint das Einwirken von Stressoren und die damit einhergehende Veränderung im Stresssystem ursächlich an der Fibroymalgie beteiligt zu sein.

 

M. Sc. Benjamin Crettaz
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Klinik und Poliklinik für Psychosomatik
und Psychotherapie
Universitätsklinikum Münster
Domagkstrasse 22
48149 Münster

 

Letzte Aktualisierung ( Mai 2008 )
 
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